Das neue Normal

Das neue Normal

Erneuerbare Energien, Elektromobilität, CO2-Staubsauger: Lange Zeit herrschte die Hoffnung, dass Technologien das Klima retten werden. Doch die Emissionen steigen weiter. Die Lösung kommt nicht allein aus dem Entwicklungslabor. Es braucht auch soziale Innovation – und die kommt aus der Gesellschaft.

2025 wurden so viele Treibhausgase ausgestossen wie nie zuvor. Die globale Temperatur lag 1,43 Grad über dem Durchschnitt vor der Industrialisierung. Es war auch das Jahr, in dem mit der Ozeanversauerung die siebte von neun planetaren Belastungsgrenzen der Erde überschritten wurde. Die Belastungsgrenzen sind die Vitalzeichen der Erde: Werden sie übertreten, gerät das Erdsystem aus dem Gleichgewicht. Die bekannteste und am meisten diskutierte Belastungsgrenze ist der Klimawandel. Um diesen einzudämmen, entwickeln Forscher:innen und Ingenieur:innen die Effizienz erneuerbarer Energien immer weiter. Sie tüfteln an Technologien, die CO2 aus der Atmosphäre saugen und im Tiefengestein speichern. Doch bisher können diese «CO2-Staubsauger» nur einen winzigen Bruchteil des Kohlendioxids aus der Luft filtern, gleichzeitig sind der Energieaufwand und die Kosten sehr hoch. «Neue Technologien allein reichen nicht, um der Klimakrise zu begegnen. Wir müssen die Treibhausgasemissionen wesentlich verringern. Dafür braucht es auch soziale Innovation», sagt Joséphine von Mitschke-Collande. Sie ist in unserem Stiftungsthema «Klima» für den Fokus «Suffizienz» verantwortlich. Dort beschäftigen wir uns mit der Frage, wie wir Rahmenbedingungen für ein gutes und ressourcenschonendes Leben schaffen können – innerhalb der Belastungsgrenzen des Planeten.

Das Potenzial sozialer Innovation

Von Genossenschaften über die Volksschule hin zu Fairtrade und Mikrokrediten – soziale Innovationen an sich sind nicht neu. Sie haben immer wieder die Gesellschaft verändert, Armut und Chancenungleichheit erfolgreich bekämpft. Neu ist der Fokus aufs Klima. Während technologische Innovationen uns effiziente Werkzeuge liefern, verändern soziale Innovationen unsere Gewohnheiten: Ein Elektroauto ist eine technologische, Carsharing eine soziale Innovation. Die gemeinschaftliche Nutzung eines Autos spart weitaus mehr Ressourcen, als nur den Antrieb auszutauschen. Ähnliches gilt für gemeinschaftliche Wohnprojekte. Wenn sich Menschen Gästezimmer und Werkstätten teilen, sinkt der Ressourcenverbrauch für den Bau, gleichzeitig wird die Nachbarschaft gestärkt. Soziale Innovation lebt von neuen Formen des Miteinanders. Sie stellt den Menschen ins Zentrum, wächst aus der Gesellschaft heraus. Das ist ihre grosse Stärke, das fördert ihre Akzeptanz. Ohne Akzeptanz scheitert jede Innovation. Soziale Innovationen entstehen als neue Praktiken, Produkte oder Dienstleistungen, die auf ein konkretes gesellschaftliches Problem antworten. Mit der Zeit werden die Initiativen grösser, verbreiten sich, verändern Denken und Gewohnheiten in der Gesellschaft, finden Nachahmer. Sie werden das neue «Normal» – wenn sich parallel auch die Rahmenbedingungen verändern. Wie essenziell soziale Innovationen zur Bewältigung der Klimakrise sind, unterstreicht der Weltklimarat IPCC in seinem sechsten Sachstandsbericht: Um bis zu 70 Prozent können wir die globalen Emissionen bis 2050 senken, wenn wir unsere sozialen Praktiken, unsere Infrastruktur und unser Konsumverhalten anpassen.

Testen in kleinen Systemen

Solche Entwicklungen möchte unsere Stiftung beschleunigen. Wir möchten verstehen, was soziale Innovationen antreibt, was sie als Lösungen erfolgreich in der Gesellschaft verankert. Das geht nicht allein am Schreibtisch. Das braucht Experimente in realen – aber überschaubaren – Kontexten, in denen gesellschaftliche Strukturen und soziale Dynamiken sichtbar werden: Was löst eine Massnahme aus? Was fehlt? Was müssen wir anpassen? Wir nennen das «Testen in kleinen Systemen». «Scheitern ist Teil dieses Lern- und Entwicklungsprozesses», betont Joséphine von Mitschke-Collande. «Nur so können wir herausfinden, was wirklich funktioniert.» Dem One Planet Lab ermöglichen wir es, Ansätze für eine suffizientere Wirtschaft und Gesellschaft zu erproben. 24 Pilotprojekte wurden bereits realisiert. Diese reichen von einer solidarischen Ernährungskasse in Genf bis hin zu einer Elektrizitätsgenossenschaft im Kanton Waadt. Alle Projekte suchen Wege, um Nachhaltigkeit im grossen Massstab zu fördern. Dafür wollen sie neue Narrative schaffen, kollektives Handeln stärken oder Rahmenbedingungen verändern. Im Projekt Suffizienzpolitik in ländlichen Gemeinden möchte die Eidgenössische Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft WSL herausfinden, wie ländliche Gemeinden einen Beitrag für eine nachhaltige Entwicklung leisten können. Ob Gratisbus, Wohngenossenschaften oder genossenschaftliche Gesundheitsversorgung – die Begleitstudie zeigt: Die Gemeinden sprechen in ihren Massnahmen selbst oft gar nicht von Suffizienz. Es geht ihnen um den Nutzen und darum, attraktiv zu sein. Suffizienz ist der positive Nebeneffekt; eine Lösung für ein konkretes Problem im Ort und zugleich ein Ansatz für ein gutes, ressourcenschonendes Leben. Das stellt auch der Verein Energiestadt Schweiz im Projekt Suffizienz in Zeiten der Klimakrise fest. Deutlich wird in der Arbeit mit den Pilotgemeinden, wie wichtig eine Kombination aus Anreizen, Information und förderlichen Rahmenbedingungen ist, damit Suffizienz-Ansätze wirken. Auf methodischer Ebene zeigt sich in diesem Vorhaben, dass Experimente in überschaubaren und klar abgegrenzten «Systemen» besonders wirkungsvoll sind – zum Beispiel in Schulen. Auch Unternehmen bieten sich an, um soziale Innovationen im überschaubaren Rahmen zu erproben. Sie stehen im Zentrum einer anderen Frage, an der wir im Bereich Suffizienz arbeiten: Welches Potenzial hat eine reduzierte Arbeitszeit für eine nachhaltigere Gesellschaft und Wirtschaft? Studien und Experimente aus Europa zeigen: Eine kürzere Arbeitszeit wirkt sich positiv auf Gesundheit und Zufriedenheit der Arbeitnehmenden aus. Und sie kann unter gewissen Umständen auch ökologisch wirken – wenn die Menschen durch die reduzierte Arbeitszeit weniger pendeln und umweltschonender konsumieren. Besonders spannend sind diese Anzeichen für Branchen, wo überlange Arbeitstage auch ein Grund für lange Krankheitsausfälle und das Verlassen des Berufs sind, etwa im Gesundheitswesen. Das Centre for Development and Environment (CDE) der Universität Bern hat das Thema im Schweizer Kontext untersucht – in der Studie Zeit als neuer Wohlstand und im Pilotversuch am GZO Spital Wetzikon. Erste Erkenntnisse deuten darauf hin, dass eine Arbeitszeitreduktion tatsächlich ökologisch wirken kann, und zudem die Arbeitszufriedenheit und Betriebstreue stärkt. Um Bedingungen für eine positive Wirkung herauszukristallisieren, braucht es künftig weitere Experimente in verschiedenen Branchen. Das Beispiel der Arbeitszeitverkürzung zeigt, wie wichtig Experimente in kleinen Systemen sind. Denn je nach Sektor, Branche und Typ eines Unternehmens stellen sich andere Herausforderungen, um ökologische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Anliegen im Rahmen einer Arbeitszeitverkürzung in Einklang zu bringen. «Es wird nie die eine Lösung geben. Die Nachhaltigkeitstransformation ist ein Such- und Lernprozess», sagt Joséphine von Mitschke-Collande.

Aus der Nische in den Mainstream

Lösungen müssen aber nicht nur gefunden, sie müssen auch verbreitet werden. Doch viele soziale Innovationen – zum Beispiel in den Bereichen Sharing, urbane Landwirtschaft oder Kreislaufwirtschaft – bleiben klein und lokal begrenzt. Nicht, weil sie nicht funktionieren. Sondern weil sie unterschiedlichste Lebensbereiche betreffen und auf die Mitwirkung vielfältiger Akteur:innen angewiesen sind. Und weil sie sich – anders als ein Produkt – nicht einfach kopieren lassen. Was in einem Zürcher oder Basler Quartier funktioniert, muss anderswo neu gedacht werden. Der Innovation Booster «Future Urban Society», dessen Entwicklung wir von Anfang an eng begleitet haben, vernetzt darum gute Ideen und unterstützt sie finanziell. Ob Sharing-Lösungen für Dachsolaranlagen und Küchenräume, urbane Selbsterntegärten oder eine digitale Verstärkung zirkulärer Angebote: Das Programm hilft den Initiativen im Schulterschluss mit Zivilgesellschaft, Verwaltung, Forschung und Wirtschaft aus der Nische in den Mainstream, damit sie selbstverständlich werden können. Entscheidend ist es, soziale Innovationen gezielt in andere Kontexte zu übertragen – andere Regionen, Kulturen, Sprachen. Das verlangt weiteres Erproben, weiteres Anpassen. Idealerweise werden diese Experimente von staatlichen Akteur:innen mitgetragen und begleitet, damit die Erkenntnisse direkt in kantonale oder städtische Nachhaltigkeitsstrategien einfliessen und Rahmenbedingungen verändern können. «Soziale Innovation ist ein gesellschaftlicher Veränderungsprozess. Und der endet nie», sagt Joséphine von Mitschke-Collande. «Am Ende geht es um die Frage: Wie wollen wir zusammenleben, zusammenarbeiten und gemeinsam die Gesellschaft gestalten?»

Einblicke in die Projekte